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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

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XII Verzeichnis der Abbildungen. Seite Klappmütze............ 315 Elefantenrobbe........... 317 Gerippe des Walrosses........ 324 Walroß.............. 325 Seelöwe............ 339 Seebär 345 Kerfjäger. Gerippe der Wasserspitzmaus...... 357 Gerippe des Igels. 360 Igel............. 361 Gerippe des Maulwurfes....... 372 Maulwurf............ 373 Tana 382 Elefantenspitzmaus.......... 384 Tanrek... 386 Almiqui............. 388 Hausspitzmaus.......... 391 Wimperspitzmaus.......... 394 Wasserspitzmaus.......... 395 Desman............. 401 Kaguang.... 404 Nager. Gerippe des Eichhörnchens....... 409 Eichhorn............. 412 Assapan.... 425 Hackee.............. 427 Schilu 430 Ziesel.............. 433 Prairiehund........... 437 Alpenmurmeltier.......... 447 Gerippe der Haselmaus und des Gartenschläfers............. 452 Siebenschläfer........... 453 Haselmaus 459 Gerippe des Bibers......... 462 Gerippe des Pfeilspringers....... 474 Wüstenspringmaus......... 479 Pferdespringer........... 485 Gerippe des Springhasen....... 488 Springhase............ 489 Gerippe der Wanderratte....... 491 Hausratte 496 Wanderratte........... 497 Hausmaus.......... 509 Brandmaus 511 Streifenmaus............ 518 Hamster 520 Bisamratte 527 Seite Wasserratte 531 Schneemaus............ 536 Feldmaus........... 540 Lemming............. 545 Blindmaus........... 551 Taschenspringer........... 554 Gopher 556 Gerippe des Stachelschweines..... 559 Quastenstachler 565 Urson.............. 567 Baumstachler........... 571 Greifstachler............ 575 Gerippe des Aguti.......... 577 Meerschweinchen.......... 578 Aguti 584 Schädel der Paka....... 588 Paka............... 589 Gerippe der Rohrratte 595 Degu............ 596 Tukotuko 598 Hutia-Conga 600 Schweifbiber.......... 602 Rohrratte............. 606 Chinchilla........ 610 Wollmaus............. 613 Hasenmaus............ 615 Viscacha............. 617 Gerippe des Hasen........ 620 Hase.............. 622 Alpen⸗ oder Schneehase........ 630 Kaninchen............ 636 Alpenpfeifhase.......... 641 Zahnarme. Gerippe des Ai 645 Ai 647 Gerippe der Tamandua........ 658 Yurumi........ 659 Tamandua............ 664 Zwergameisenfresser........ 666 Gerippe des Gürteltieres. 669 Sechsbindengürteltier........ 671 Kugelgürteltier........... 675 Riesengürteltier 678 Gürtelmaus........... 680 Gerippe des Pangolins........ 684 Langschwanzschuppentier........ 686 Pangolin..... 688 Steppenschuppentier......... 690

Vierte Ordnung.

Die Naubtiere (Carnivora).

(Fortsetzung.)

Unter den Tieren der Schaubuden finden sich regelmäßig einige, denen sich, dank den Erläuterungen des trinkgeldheischenden Tierwärters, die besondere Aufmerksamkeit der Schaulustigen zuzuwenden pflegt. Der Erklärer verfehlt nie, diese Tiere als wahre Scheusale darzustellen, und dichtet ihnen die fürchterlichsten Eigenschaften an. Mordlust, Raubgier, Grausamkeit, Blutdurst, Hinterlist und Tücke ist gewöhnlich das Geringste, was der Mann ihnen, den Hyänen, zuschreibt; er lehrt sie regelmäßig auch noch als Leichenschänder und Totenausgräber kennen und erweckt sicherlich ein gerechtes Entsetzen in den Gemütern aller naturunkundigen Zuschauer. Die Wissenschaft hat es bis jetzt noch nicht vermocht, solchen Unwahrheiten zu steuern, sie haben sich vielmehr, allen Belehrungen zum Trotze, seit uralter Zeit frisch und lebendig erhalten.

Es gibt wenige Tiere, deren Kunde mit so vielen Fabeln und abenteuerlichen Sagen ausgeschmückt worden wäre wie die Geschichte der Hyänen. Schon die Alten haben die unglaublichsten Dinge von ihnen erzählt. Man behauptete, daß die Hunde Stimme und Sinne verlören, sobald sie der Schatten einer Hyäne träfe; man versicherte, daß die scheußlichen Raubtiere die Stimme eines Menschen nachahmen sollten, um ihn herbeizulocken, dann plötzlich zu überfallen und zu ermorden; man glaubte, daß ein und dasselbe Tier beide Geschlechter in sich vereinige, ja selbst nach Belieben das Geschlecht ändern und sich bald als männliches, bald als weibliches Wesen zeigen könne. „Der Leib“, sagt der alte Gesner, „ist gantz scheußlich, voller blauer Flecken, die Augen sehen auch scheußlich auß, worinnen das Thier die Farbe ohne Unterlaß ändert nach seinem Gefallen; Es hat ein starrendes und unbewegliches Genicke, gleich wie ein Wolff oder Löwe; In seinem Kopffe aber wird ein Edel⸗Stein gefunden, von edler Tugend. Etliche schreiben, daß seine Augen sich nach seinem Tode in Steine verwandelen. — Vnter allerhand todten Cörpern, sie seyn gleich vom Vieh oder von Menschen, suchen die Viel-Frassen oder Grab-Thiere ihre Speisse, seyn auch so begierig nach dem Fleische der Menschen, daß sie auch den Gräbern nachgehen sollen. Bey der Nacht haben sie ein scharpffes Gesichte, da sie doch bey Tag desselbigen schier beraubet sind; Sie können mit ihrer Stimme und Kotzen der Menschen Ruffen und Husten nachahmen, und haben ihr Männ- und Weibliches Geschlechte, wie Aristoteles berichtet. — Wann er gejaget wird, so wendet er sich gemeiniglich ab auff die rechte Seite, und siehet daß er in deß Jägers Fußtappen kommen möge, welcher darvon taub, unlustig, steiff und kranck wird: Dann in seiner rechten Tappen hater eine so starcke Krafft entschlaffend zu 8 daß er

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II.

auch die Menschen, welche er sonst schlaffend find, dermassen einschläffert, daß sie ohn Empfindlichkeit ligen, und ihm zum Raube dienen müssen.“ Das Merkwürdigste bei der Sache ist, daß diese Fabelei Widerklang findet bei allen Völkerschaften, welche die Hyänen kennen lernten. Namentlich die Araber sind reich an Sagen über diese Tiere. Man glaubt steif und fest, daß Menschen von dem Genusse des Hyänengehirnes rasend werden, und vergräbt den Kopf des erlegten Raubtieres, um bösen Zauberern die Gelegenheit zu übernatürlichen Beschwörungen zu nehmen. Ja, man ist sogar fest überzeugt, daß die Hyänen selbst nichts anderes sind als verkappte Zauberer, welche bei Tage in Menschengestalt umherwandeln, bei Nacht aber die Hyänenmaske annehmen, allen Gerechten zum Verderben. Ich selbst bin mehrere Male von meinen arabischen Dienern herzlich und dringend gewarnt worden, auf

Gerippe der Tüpfelhyäne. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

Hyänen zu schießen, und schauerliche Geschichten wurden mir über die Gewalt der verlarvten, höllischen Geister mitgeteilt. | | „Diese verzauberten Menschen, die von Allah, dem Erhabenen, Verdammten“, jo sagte mir mein Diener Ali, „können durch den bloßen Blick ihres bösen Auges das Blut in den Adern des Gottseligen zum Stocken und das Herz zum Stillstehen bringen, die Eingeweide austrocknen und den Verstand verwirren. Einer unserer Herrscher, Churschid Pascha, ließ viele von den Dörfern verbrennen (Gott segne ihn dafür!), in denen sich solche Zauberer befanden, und dennoch ist ihre Anzahl immer noch groß genug, und sie sind übermächtig, zum Schaden der Gläubigen. Zwar wird sie Allah in den tiefsten Pfuhl der Hölle schleudern; allein während sie leben, thut der Gläubige wohl, ihnen aus dem Wege zu gehen und den. Bewahrer zu bitten, daß er ihn vor den aus seinem Himmel herabgeschleuderten Teufeln in Gnaden bewahre. Jener Fürst starb eines frühen Todes, denn er verfuhr hart gegen alle Zauberer, und wahrlich! — nur der Blick des bösen Auges hat ihn unter die Erde gebracht. Glaube mir, ich selbst war in großer Gefahr; nur der Allmächtige hat mir geholfen und mein Herz gutem Rate geöffnet. Meine Ohren waren bereit, die Stimme des Warners zu meinem Herzen zu führen. Ich wollte mit einem meiner Brüder Jagd anstellen auf jene nächtlichen Geister der Hölle, welche sich gar heftig auf dem Leichname eines Kameles stritten, allein noch zur rechten Zeit wurde ich durch den Sohn eines weisen Scheichs davon

Gerippe der Tüpfelhyäne. (Aus dem Berliner anatomiſchen Muſeum.)

abgehalten: ‚Hört, o ihr Gläubigen, auf die Stimme der Wesen, welche ihr für Hyänen haltet; gleicht sie wohl der Stimme eines Tieres? Sicherlich nicht! Gleicht sie nicht vielmehr dem Weherufe eines jammernden Menschen? Gewiß! O, so glaubet mir, daß diese, welche ihr für Tiere haltet, nichts andres als große Sünder find, welche über ihre entsetzliche Missethat jammern und klagen. Und wird diese Stimme nicht zugleich dem Gelächter eines Teufels gleich? So glaubet, daß der Verworfene aus ihnen spricht! Wisset, daß von diesen Zauberwesen schon großes Unheil gestiftet worden ist. Ich kenne einen jungen Mann, der eine Hyäne tötete. Er fühlte sich am anderen Tage schon vollkommen entmannt: er war zu einem Weibe gewandelt worden. Ich kenne einen anderen, dessen Gebein von Stunde an vertrocknete, nachdem er einen solchen Zauberer getötet hatte. Laßt ab, meine Brüder!“ Wir thaten es, und die ganze Nacht hindurch hörte ich das Heulen der Hyänen. Es war, als ob sich die Diener des Teufels (Gott schütze uns vor ihm!) gestritten hätten. Das waren keine Tiere, das waren wirkliche Zauberer, das waren die Söhne des Verfluchten. Meine Glieder zitterten vor Schrecken, meine Zunge ward dürr; meine Augen dunkelten, ich schlich mich unter Zagen hinweg und suchte mein Lager. So glaube auch du mir, daß du Übles thust, wenn du dein Gewehr auf jene abfeuerst, die du für Tiere hältst. Zwar sind sie, die höllischen Zauberer, verflucht und die Söhne des Verfluchten; ihnen wird nie das Glück blühen: sie werden nimmermehr die Freuden des Vaters genießen und besäßen sie einen Harem gleich dem des Sultans; sie werden das Paradies nie zu sehen bekommen, sondern in der tiefsten Nacht der Hölle wimmern und ewig verloren sein: aber dem Frommen ist es nicht zuträglich, sie aufzusuchen, und dich, o Herr, habe ich als gerechten Mann erkannt; darum vernimm denn meine Warnung!“

Das Märchen und die Sage sucht sich immer seine Gestalten. Ein Tier, von welchem viel Wunderbares berichtet oder geglaubt wird, muß irgend etwas Absonderliches in seiner Gestalt zeigen. Dies finden wir denn auch bei den Hyänen (Hyaenidae) bestätigt. Sie ähneln den Hunden und unterscheiden sich gleichwohl in jedem Stücke von ihnen; ihr Anblick ist keineswegs anmutig, sondern entschieden abstoßend. Alle Hyänen sind häßlich. Einzelne Forscher sahen sie als Zwittergestalten zwischen Hund und Katze an; wir aber können dieser Anschauung nicht beipflichten, weil die Hyänen eine ganz eigentümliche Gestalt für sich selbst haben. Der Leib ist gedrungen, der Hals dick, der Kopf stark und die Schnauze kräftig und unschön. Die krummen, vorderen Läufe sind länger als die hinteren, wodurch der Rücken abschüssig wird, die Füße durchweg vierzehig. Die Ohren sind nur spärlich behaart und unedel geformt; die Augen liegen schief, funkeln unheimlich, unstet und zeigen einen abstoßenden Ausdruck. Der dicke, scheinbar steife Hals, der buschig behaarte Schwanz, welcher nicht über das Fersengelenk hinabreicht, und der lange, lockere, rauhe Pelz, welcher sich längs des Rückens in eine schweinsborstenähnliche Mähne verlängert, die düstere, nächtige Färbung der Haare endlich: dies alles vereinigt sich, den ganzen Eindruck zu einem unangenehmen zu machen. Zudem sind alle Hyänen Nachttiere, besitzen eine widerwärtige, mißtönende, kreischende oder wirklich gräßlich lachende Stimme, zeigen sich gierig, gefräßig, verbreiten einen übeln Geruch und haben nur unedle, fast hinkende Bewegungen, offenbaren auch gewöhnlich etwas ganz Absonderliches in ihrem Wesen: kurz, man kann sie unmöglich schön nennen. Die vergleichende Forschung findet noch andere ihnen eigentümliche Merkmale auf. Das Gebiß kennzeichnet den ausschließlichen Fleischfresser. Die außerordentliche Stärke der plumpen Zähne setzt das Tier in den Stand, die Überbleibsel der Nahrung anderer Fleischfresser noch für sich nutzbar zu machen und die stärksten Knochen zu zerbrechen. Beim Hunde bilden die Schneidezähne in ihrer Reihe einen Kreisabschnitt, bei den Hyänen stehen sie in einer geraden Linie und entsprechen dadurch der vorn breiten, abgeplatteten Schnauze. Die Schneidezähne sind sehr entwickelt, die Eckzähne stumpfkegelig, die Lückenzähne durch ihre stark

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eingedrückten Kronen, die Reißzähne durch ihre Massigkeit ausgezeichnet. 34 Zähne bilden das Gebiß; es stehen, wie beim Hunde und anderen Raubtieren, 3 Schneidezähne, 1 Eckzahn und 1 Backenzahn in jeder Kieferhälfte; dagegen trägt der Oberkiefer jederseits nur 4, der Unterkiefer nur 3 Lückenzähne. Das Milchgebiß enthält in jeder Kieferhälfte 4 Lückenzähne. Am Schädel sind bemerkenswert: der breite und stumpfe Schnauzenteil, der enge Hirnkasten, die starken und abstehenden Jochbogen und Leisten, im übrigen Gerippe die sehr kräftigen Halswirbel, von denen die Alten glaubten, daß sie zu einem einzigen Stücke verschmölzen, und die breiten Rippen. Mächtige Kaumuskeln, große Speicheldrüsen, die hornig bewarzte Zunge, eine weite Speiseröhre und eigentümliche Drüsen in der Aftergegend kennzeichnen die Tiere noch anderweitig.

Der Verbreitungskreis der Hyänen ist sehr groß; er umfaßt, wahrscheinlich mit Ausnahme der engeren Gleicherländer des Westens, ganz Afrika und das südliche Asien bis zur Bai von Bengalen, aber nicht ostwärts von dieser gelegene Länder und auch nicht Ceylon. Unsere Tiere lieben nicht mit geschlossenen und ausgedehnten Waldungen bedeckte, sondern offene, felsenreiche Landschaften mit Gras, Gestrüpp und lichten Baumbeständen, aber auch reine Steppen und selbst Wüsten. Bei Tage begegnet man ihnen nur, wenn sie zufällig aufgescheucht wurden; ehe sie daran denken, umherzuschweifen, muß die Sonne zu Rüste gegangen sein. Dann erst vernimmt man das Geheul der einzeln oder in kleinen Gesellschaften nach Aas oder Beute streifenden Tiere; sobald das eine seinen abscheulichen Nachtgesang anhebt, pflegen die anderen einzufallen. Die Stimme der gestreiften Hyäne ist sehr mißtönend, aber nicht so widerlich, wie man gesagt hat: heisere Laute wechseln mit hochtönenden, kreischende mit murmelnden oder knurrenden ab. Dagegen zeichnet sich das Geheul der gefleckten Art durch ein wahrhaft fürchterliches Gelächter aus, ein Lachen, wie es die gläubige Seele und die rege Phantasie etwa dem Teufel und seinen höllischen Gesellen zuschreibt, scheinbar ein Hohnlachen der Hölle selbst. Wer diese Töne zum ersten Male vernimmt, kann sich eines gelinden Schauders kaum erwehren, und der unbefangene Verstand erkennt in ihnen sofort einen der hauptsächlichsten Gründe für die Entstehung der verschiedenen Sagen über unsere Tiere. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich die Hyänen mit ihren Nachtgesängen gegenseitig zusammenheulen, und es scheint sicher, daß die Musik augenblicklich in einer Gegend verstummt, sobald einer der Heuler irgend welchen Fraß gefunden hat. Solange die Nacht währt, sind die umherstreifenden Tiere in steter Bewegung, kommen auch ohne Scheu, selbst ohne sich durch die Hunde beirren zu lassen, in Dörfer wie Städte und ziehen sich erst gegen 5 wieder in ihre Verstecke zurück.

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