Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Erste Ordnung. Die Baumpögel (Coracornithes). Is die höchststehenden Vögel betrachten wir mit Fürbrin ger die Baumvögel; auf ingehender Untersuchungen des inneren Leibesbaues setzt er die Ordnung zusamden sieben Unterordnungen der Kleinvögel, Nageschnäbler, Sitzfüßer, Todis, Faul⸗, und Rackenvögel. An die Spitze dieser Unterordnungen sind die Kleinvögel asseriformes) zu stellen; sie zerfallen in die fünf Sippschaften der Sperlingsl, Trugsänger, Specht⸗, Schwirr- und Mausvögel. Obenan stehen die erstgenannten. allgemeine Merkmale aufzustellen. Die Größe der dieser Sippschaft zugewiesenen hwankt in viel bedeutenderen Grenzen, als dies in irgend einer anderen der Fall, der des Kolkraben und der des Goldhähnchens nämlich; Schnabel und Fuß, Flügel wanz, Beschaffenheit und Färbung des Gefieders bieten nicht minder erhebliche Unterar. Dem Schnabel der verschiedenen Sperlingsvögel darf wohl nur das eine als es Merkmal zugesprochen werden, daß er mittellang ist und einer Wachshaut ent— Beinen dagegen, daß das Schienbein bis zur Ferse herab befiedert, der Lauf vorn größeren, in den meisten Fällen mit sieben Tafeln bekleidet, der Fuß zierlich gedie innere Zehe, welche die zweite an Stärke und Länge gewöhnlich übertrifft, n gerichtet ist. Als wichtigstes Merkmal gilt, daß bei den meisten, jedoch keinesllen Sperlingsvögeln der untere Kehlkopf besondere Entwickelung erlangt hat, inn 2—5 auf die Vorder⸗ und Hinterfläche verteilten Muskelpaaren bewegt wird. Außenfedern, deren Anzahl verhältnismäßig gering zu sein pflegt, zeichnen sich kleinen daunigen Afterschaft aus und stehen, sehr übereinstimmend, in gewissen unter denen namentlich die Rücken-und Unterflur übereinstimmendes Gepräge zeigt. bildet stets einen bandförmigen Streifen, welcher an den Schultern nicht unterbird, sondern hinter ihnen zu einem verschoben viereckigen oder eirunden Bündel eitert und hier zuweilen ein spalt- oder eiförmiges Feld ohne Federn in sich ein⸗ Von der verbreiterten Stelle geht in manchen Fällen jederseits eine Reihe einzel⸗ „Federn zu der Schwanzflur. Die Unterflur teilt sich vor der Halsmitte in zwei auseinande aufende, zuweilen einen äußeren, stärkeren Ast abgebende Züge, welche bis vor den After reichen. Am Handteile des Fittiches stehen regelmäßig 10 oder 9 Schwingen; im
letzteren Falle fehlt die erste, welche sonst schon zu einem kleinen Stummel verkümmert zu sein pflegt. Die Anzahl der Armschwingen schwankt zwischen 9 und 14; erstere Zahl ist die regelmäßige. Die Armdecken sind gewöhnlich kurz und lassen meist die Hälfte der Schwingen unbedeckt. Auch findet sich nur eine einfache Reihe größerer Deckfedern, an welche die kleinen am Buge und am Rande der Flughaut sitzenden Federn stoßen. Der Schwanz besteht aus 12, ausnahmsweise aber 10 Steuerfedern. Daunen zwischen den Außenfedern kommen selten und, wenn überhaupt, nur spärlich vor. Das Knochengerüst läßt namentlich im Schädel erhebliche Verschiedenheiten erkennen; doch bekundet der letztere in der gleichen Entwickelung des Pflugscharbeines, der Gaumenfortsätze der Oberkiefer und der Gaumenbeine viel Übereinstimmendes. Ersteres ist vorn eingeschnitten, hinten tief gespalten, so daß es die Keilbeinspitzen umfaßt; die Gaumenfortsätze des Oberkiefers sind dünn, lang, zuweilen breiter, biegen sich nach innen und hinten über die Gaumenbeine und enden unter dem Pflugscharbeine mit verbreiterten, muschelartig ausgehöhlten Enden, welche jedoch bei einzelnen Familien fehlen, die Gaumenbeine endlich meist breit und hinten flach. Bezeichnend für alle Sperlingsvögel ist eine besondere knöcherne Röhre, welche die Luft aus der Paukenhöhle in die Lufträume des Unterkiefers führt. Die Wirbelsäule besteht aus 10—14 Hals-, 6—8 Rücken-, 6—13 Kreuzbein- und 6—8 Schwanzwirbeln. Der Kamm des Brustbeines ist am Vorderrande ausgeschweift und der Hinterrand fast immer ausgeschnitten. Am Vorderende des Schlüsselbeines befindet sich ein stark entwickelter Anhang in Form eines zusammengedrückten Kegels. Der Vorderarm ist etwas länger als der Oberarm, aber ebensowenig wie die Hand auffallend verlängert. Die Beine zeigen regelmäßige Bildung. Die Zunge, deren horniger Überzug am Rande und an der Spitze oft gezahnt oder zerfasert sein kann, entspricht in Form und Größe dem Schnabel. Die Speiseröhre erweitert sich nicht zum Kropfe; der Magen ist fleischig; Gallenblase und Blinddarm sind stets vorhanden. Entsprechend ihrer außerordentlichen Anzahl ist die Verbreitung der Sperlingsvögel. Sie sind Weltbürger und bilden den wesentlichsten Teil der gefiederten Einwohnerschaft aller Gürtel der Breite oder Höhe, aller Gegenden, aller Ortlichkeiten. Sie bewohnen jedes Land, jeden Gau, die eisigen Felder des Hochgebirges oder des Nordens wie die glühenden Niederungen der Wendekreisländer, die Höhe wie die Tiefe, den Wald wie das Feld, das Rohrdickicht der Sümpfe wie die pflanzenlose Steppe, die menschenwogende Weltstadt wie die Einöde; sie fehlen nirgends, wo ihnen irgend eine Möglichkeit zum Leben geboten ist: sie finden noch auf öden Felseninseln mitten im Eismeere Aufenthalt und Nahrung. Nur die Raubvögel beherrschen ein annähernd gleich ausgedehntes und verschiedenes Gebiet; die Sperlingsvögel aber sind ungleich zahlreicher an Arten und Einzelwesen als jene und schon deshalb verbreiteter. Bloß das Meer stößt sie zurück; sie sind Kinder des Landes. Soweit der Pflanzenwuchs reicht, dehnt sich ihr Wohngebiet. In den Wäldern treten sie häufiger auf als in waldlosen Gegenden, unter den Wendekreisen in zahlreicherer Menge als im gemäßigten oder kalten Gürtel; doch gilt auch dies für die Gesamtheit nur bedingungsweise. Viele Arten leben fast oder ausschließlich auf dem Boden, und weitaus die meisten sind ihm mindestens nicht fremd. Die Nähe des Menschen meiden die wenigsten unter ihnen; viele bitten sich vielmehr bei dem Gebieter der Erde zu Gaste, indem sie vertrauensvoll sein Haus und sein Gehöft, seinen Obst- oder Ziergarten besuchen, und kein einziger von ihnen würde die Nachbarschaft der Wohnungen scheuen, träte der Mensch ihnen nicht feindlich gegenüber, sei es auch nur insofern, als er ihnen zusagende Wohnsitze seinen Zwecken gemäß umgestaltet. Wer die Sperlingsvögel insgemein zu den hochbegabten Gliedern ihrer Klasse zählt, gewährt ihnen nicht mehr als Recht. Nicht wenige Vogelkundige sehen, dem Vorgange von Cabanis folgend, die Nachtigall als den vollkommensten aller Vögel an, und Owen hat
ů einmal behauptet, daß dem Raben dieselbe Auszeichnung zu teil werden dürfte. Gegen das eeeine wie gegen das andere läßt sich wenig einwenden. Die Begabung der Sperlingsvögel ist in der That außerordentlich, ihre geistige Befähigung nicht minder groß als ihre leibliche. Fast ausnahmslos gewandt in Leibesübungen aller Art, beherrschen sie so ziemlich jedes Gebiet. Nicht alle sind ausgezeichnete Flieger; einzelne von ihnen aber wetteifern in dieser Beziehung mit jedem anderen Vogel, und die große Mehrzahl übertrifft noch immer alle Mitglieder ganzer Ordnungen. Auf dem Boden bewegen sich mindestens die meisten leicht und geschickt, die einen schreitend, die anderen hüpfend, wenige nur trippelnd; dichtes Gezweige durchschlüpfen viele mit der Hurtigkeit einer Maus; am Stamme wie auf den Asten und Zweigen klettern die einen, turnen die anderen, treiben einige Gauklerkünste mancherlei Art. Das Wasser scheuen zwar die meisten; einige aber bemeistern es in einer Weise, welche kaum ihresgleichen hat: denn sie laufen jagend auf dem Grunde dahin, oder durchfliegen den donnernd und schäumend zur Tiefe stürzenden Fall. Alle Sinne sind wohl entwickelt. Obenan steht vielleicht ausnahmslos das Gesicht, nächstdem scheinen Gehör und Gefühl besonders ausgebildet zu sein. Geschmack ist zwar nicht in Abrede zu stellen, schwerlich aber von besonderer Bedeutung, und Geruch endlich wohl nur bei einzelnen einigermaßen scharf, so daß wir die beiden vermittelnden Sinne kaum mit Unrecht als verkümmert ansehen. Dem großen Gehirne entspricht der scharfe Verstand, das tiefe Gemüt, die Lebendigkeit des Wesens, welche Eigenschaften der großen Mehrzahl aller Sperlingsvögel zugesprochen werden müssen. Wer sie kennt, wird sie gewiß nicht geistesarm schelten, er müßte denn die Beweise des Gegenteiles, welche sie tagtäglich geben, nicht gelten lassen wollen. Die meisten von ihnen sind allerdings gutmütige und vertrauensselige Vögel, welche falsche Beurteilung wohl möglich erscheinen lassen; alle aber bekunden bei entsprechender Gelegenheit volles Verständnis für maßgebende Verhältnisse. Sie lernen ihre Feinde kennen und würdigen, Gefahren ausweichen, wie sie mit ihren Freunden innigen Umgang pflegen und deren Wirtlichkeit wohl beherzigen: sie ändern also ihr Betragen je nach den Umständen, je nach Zeit und Ortlichkeit, je nach den Menschen, mit denen sie verkehren, nach Verhältnissen, Ereignissen, Begebenheiten. Sie sind groß in ihren Eigenschaften und Leidenschaften, gesellig, friedfertig und zärtlich, aber auch wiederum ungesellig, streitlustig, dem sonst so geliebten Wesen gegenüber gleichgültig; sie sind feurig in der Zeit ihrer Liebe, daher auch eifersüchtig, eigenwillig und ehrgeizig; sie kämpfen, wenn es gilt, mit Klaue und Schnabel wie mit der singfertigen Kehle, im Fluge wie im Sitzen, mit denselben Artgenossen, in deren Vereine sie friedlich sich bewegen, denen sie die größte Anhänglichkeit widmen, um derentwillen sie sich vielleicht dem Verderben preisgeben. So lebendiges Gefühl ist ihnen eigen, daß es nicht selten ihren Verstand übermeistert, einzelne vollständig üÜberwältigt, ihnen alle Besinnung und selbst das Leben raubt. Niemand wird dies in Abrede stellen können; denn jeder, welcher beobachtete, hat Erfahrungen gesammelt, welche es beweisen: sei es, daß er wahrnahm, wie ein Sperlingsvogel einem hilfsbedürftigen, schwachen und kranken Barmherzigkeitsdienste übte; sei es, daß er bemerkte, wie gezähmte Käfigvögel aus dieser ganzen Sippschaft ihrem Pfleger und Gebieter alle Liebe bethätigten, deren sie fähig sind, wie sie trauernd schwiegen, wenn er abwesend war, wie sie freudig ihn begrüßten, sobald sie ihn wiedersahen; sei es endlich, daß er mit Verständnis einem der herrlichen Lieder lauschte, durch welche gerade diese Vögel uns zu bezaubern wissen. Ein vortreffliches Gedächtnis, welches den meisten zugesprochen werden darf, trägt wesentlich dazu bei, ihren Geist auszubilden und zu vervollkommnen. Daß so lebendigen und leidenschaftlichen Tieren fast ununterbrochene Regsamkeit zur Notwendigkeit wird, ist begreiflich. Träumerischer Unthätigkeit entschieden abhold, bewegen sie sich, wirken und handeln sie ohne Unterlaß vom frühen Morgen bis zum späten Abend. m
Jede Begabung wird erprobt, jede Befähigung geübt. Nur solange sie schlafen, sind sie thatsächlich unthätig; wachend beschäftigen sie sich gewiß in irgend einer Weise, und wäre es auch nur, daß sie sich das Gefieder putzen. Ein großer Teil des Tages wird der Ernährung, ein kaum geringerer der uns am meisten anmutenden Beschäftigung, dem Singen, gewidmet. Weitaus die große Mehrzahl besitzt in hohem Grade die Fähigkeit zu singen. Hinsichtlich einzelner Papageien läßt uns besonderes Wohlwollen wohl auch von Gesang reden, während es sich, streng genommen, nur um liebenswürdige Stümperei handelt; die Sperlingsvögel dagegen vereinigen in ihrer Sippschaft alle wirklichen Sänger, die wahren Meister der edlen Kunst, und wissen Kenner ihres Gesanges ebensogut zu begeistern wie geschulte Menschensänger ihre Zuhörer. Alle, welche wirklich singen, thun dies mit Begeisterung und Ausdauer, und alle singen nicht bloß ihrem Weibchen oder, wenn sie gefangen sind, ihren Pflegern, sondern auch sich selbst zur Freude, wie sie anderseits ihr Lied zur Waffe stählen, mit ihm kämpfen, durch dasselbe siegen oder unterliegen. Wer eine Nachtigall, eine Drossel singen gehört und sie verstanden hat, begreift, daß solch ein Vogel Lebensfreudigkeit, leichte Erregbarkeit des Geistes besitzen, daß er leidenschaftlich sein muß, um so Vollendetes schaffen zu können. Man hat den Singvogel oft mit dem Dichter verglichen, und der Vergleich, mag er auch hinken wie jeder andere, und mag man über ihn spötteln, darf gelten: denn was der Dichter unter den Menschen, ist der Sänger in gewissem Sinne wenigstens unter den Vögeln. So vielseitiger Begabung, wie sie dem Sperlingsvogel geworden ist, entsprechen Lebensweise, Betragen, Ernährung, Fortpflanzung und andere Thätigkeiten und Handlungen. Im allgemeinen läßt sich hierüber wenig sagen; denn eigentlich scheint unter Sperlingsvögeln alles möglich zu sein. Ihre Lebensweise ist ebenso verschieden wie ihre Gestalt, Begabung und ihr Aufenthalt, ihr Betragen so mannigfaltig wie sie selbst. Die meisten von ihnen sind in hohem Grade gesellige Tiere. Einzelnen begegnet man nur zufällig, Paaren bloß in der Brutzeit; während der übrigen Monate des Jahres sammeln sich die Paare und Familien zu Trupps, die Trupps zu Scharen, die Scharen oft zu förmlichen Heeren. Und nicht bloß die Mitglieder einer Art versammeln sich, sondern auch Gattungsverwandte, welche unter Umständen monatelang zusammenbleiben, in einen Verband treten und gemeinschaftlich handeln. Solche Versammlungen sind es, welche wir im Spätherbste, nach vollendeter Brut und Mauser, in unseren Wohnorten, auf unseren Fluren sehen können; solche Genossenschaften stellen sich während des Winters in Bauerngehöften oder in den Straßen der Städte als Bettler ein; solche Verbindungen bleiben auch in der Fremde bestehen. Der Klügere pflegt für das Wohl der Gesamtheit Sorge zu tragen, und seinen Anordnungen wird bei den übrigen Gehorsam oder seinem Vorgehen Nachahmung. Bei anderen Sperlings-⸗ vögeln, welche ebenfalls in Gesellschaft leben, walten abweichende Verhältnisse ob. Kein Mitglied des von ihnen gebildeten Verbandes opfert diesem seine Selbständigkeit; einer steht zwar dem anderen in Gefahr und Not treulich bei, die Gatten eines Paares hängen mit inniger Zärtlichkeit aneinander, und die Eltern lieben ihre Jungen in so hohem Grade wie irgend ein anderer Vogel die seinigen: im übrigen aber handelt jeder einzelne zu seinem Nutzen. Ihre geselligen Vereinigungen sind, wie es scheint, Folgen der Erkenntnis aller Vorteile, welche ein Verband gleichbefähigter dem einzelnen gewährt, Verbindungen zu Schutz und Trutz, zur Ermöglichung geselliger Freuden, zur Unterhaltung des ewig nach Beschäftigung strebenden Geistes. Einzelne Arten halten sogar Zusammenkünfte an gewissen Orten und zu gewissen Stunden ab, scheinbar zu dem Zwecke, gegenseitig Erlebnisse des Tages auszutauschen. Andere Sperlingsvögel wiederum sind Einsiedler, wie solche unter Vögeln nur gedacht werden können, grenzen eifersüchtig ein bestimmtes Gebiet ab, dulden darin kein zweites Paar, vertreiben aus ihm sogar die eignen Jungen.