Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Die Alten wähnten, im Gehirne und Fleische kräftige Heilmittel zu besitzen, und unter dem Landvolke besteht noch heutzutage hier und da der Glaube, daß ein zu Pulver gebranntes männliches Eichhorn das beste Heilmittel für kranke Hengste, ein weibliches für kranke Stuten gäbe. Manche Gaukler und Seiltänzer sollen in dem Wahne leben, durch den Genuß des gepulverten Gehirnes vor Schwindel sicher zu sein, und deshalb dem Hörnchen oft nachstellen, um sich bei ihren gefährlichen Sprüngen zu sichern. Doch ist die Verfolgung, welche das Tier bei uns von dem Menschen erleidet, kaum in Anschlag zu bringen. Man hegt es, seiner Niedlichkeit und Munterkeit halber, viel mehr, als es verdient. Vergleicht man den Nutzen, welchen es durch gelegentliches Aufzehren von Maikäfern und anderen schädlichen Kerbtieren sowie durch das unbeabsichtigte Anpflanzen von Eichen, infolge der von ihm verschleppten Eicheln, bringen kann, mit dem Schaden, den es durch Abbeißen junger Triebe und Knospen, Benagen der Rinde und Plündern der Früchte unseren Nutzpflanzen oder durch seine räuberischen Gelüste den hegenswerten Vögeln zufügt, so wird man es zu den schädlichen Tieren zählen und mindestens streng beaufsichtigen müssen.
Rechnet man hierzu die oben erwähnte Raubsucht und das abscheuliche Nestplündern, welches von dem Eichhörnchen mit ebensoviel Geschicklichkeit wie Gier geübt wird, so wird man den Gebrüdern Müller wohl recht geben müssen, wenn sie das Tier als ein in jeder Hinsicht schädliches bezeichnen und ernstlich mahnen, sich seine Verminderung angelegen sein zu lassen.
Auch die Wälder Amerikas, Afrikas und Indiens werden von teilweise sehr schön gefärbten Hörnchen belebt, die durch ihr munteres Treiben den Blick des Beobachters manchmal nicht weniger als die Affen fesseln. Zudem lassen manche sich unschwer in einer Behausung heimisch machen und ergötzen dann ihren Pfleger ebensosehr, wie sie ihn durch allerlei eigenartige Züge ihres Wesens überraschen, die bei freilebenden in der Wildnis gar nicht bemerkt werden können. Ein verhältnismäßig winziges afrikanisches Hörnchen, das aber durch seine Zeichnung von Sciurus minutus wesentlich abwich und, weil es schließlich verloren ging, nicht bestimmt werden konnte, besaß und beobachtete eine Zeitlang Pechuel-Loesche in Loango. Er berichtet darüber: „Ein allerliebstes Hörnchen mit rostgelbem Felle und zwei doppelten schwarzweißen Seitenstreifen geziert, wurde mir einst lebend als Geschenk gebracht. Die Leute nannten es Mkaka. Es schien vollständig erwachsen und hatte doch nur die Größe einer starken Maus, so daß man es in der hohlen Hand bergen konnte. Binnen weniger Tage wurde es so zahm, daß es sich fortan frei im Zimmer umhertummeln durfte. Mit fröhlichem, leisem ‚Taf, tak', das jedesmal von einem Wippen des breiten, buschigen Schweifes begleitet wurde, trieb es zu allen Stunden sein neckisches Spiel, war aber des Nachts weit reger als des Tages. Seine Liebhabereien wechselten außerordentlich rasch. Eine Zeitlang hockte es dann und wann, alle meine Bewegungen mit klugen Augen verfolgend, sich putzend und kämmend, besonders gern auf dem Tintenfasse; wenn ich die Feder 27*
eintauchte, sprang es dann regelmäßig auf meine Hand und beim Zurückziehen wieder auf den alten Platz; dann fand es meinen Kopf zum Sitze geeignet, später wieder einmal die Schulter, kroch dann auch ins offene Hemd, in beliebige Taschen, so daß ich mich beim Aufstehen erst immer überzeugen mußte, ob ich das winzige und manchmal eingeschlafene Tierchen nicht irgendwo bei mir hätte. Zur Schlafstelle hatte ich ihm eine in sicherer Höhe angebrachte ausgehöhlte Adansoniafrucht angewiesen. Diese füllte es nun eifrig mit weichen Läppchen, Wattenflocken und großen Wergbündeln, die es aus dem Zimmer meines Nachbars entführte und an einem als Leiter dienenden Stabe oder an der Schilfwand kletternd hinaufschleppte. Das Einbringen der oft kaum zu bewältigenden Massen durch das enge Loch in der Fruchtschale machte ihm unendliche Mühe, aber von außen schiebend, von innen ziehend, ließ es nicht eher nach mit dem Ausfüttern des warmen Nestes, bis thatsächlich nichts mehr in den Hohlraum hineinzustopfen ging. Bei aller emsigen Arbeit gab das niedliche und ungemein reinliche Tierchen zeitweilig sein frohes ‚Taf, tak“ von sich oder hüpfte auf einen Ruheplatz und strich und kämmte hurtig das in Unordnung geratene Kleid, namentlich die langen Haare des Schwanzes, und putzte das kluge Köpfchen mit den großen, dunkeln Augen. „Sein Thätigkeitstrieb und seine Lust an Veränderungen ließen es jedoch nimmer ruhen und nie lange etwas Geschaffenes mit Behagen genießen. Kaum war das weiche Nest eine Woche benutzt, so begann es auch schon wieder die mühsam hergestellte Polsterung auszuräumen und nach einem verlockenden Winkel am Bücherbrette zu schaffen; nachdem dieser einige Zeit als Schlafplatz gedient hatte, wurde ein drittes Nest in der Tasche eines zur Seite meines Arbeitsstuhles an der Wand hängenden Rockes angelegt. Dort fühlte es sich längere Zeit wohlgeborgen, und ich glaubte es endlich zur Ruhe gekommen. Als ich aber eines Tages meine der Ratten wegen mittels einer am Dachbalken befestigten Schnur frei schwebenden Kniestiefel anziehen wollte, fand ich einen davon zu einer neuen Wohnung eingerichtet und bis obenan mit Werg, Watte und Federn angefüllt. Da entdeckte ich auch, daß der rastlose Liebling allerlei glänzende und glatte Gegenstände, wie es von Zieseln berichtet wird, zusammentrug: Zündhütchen, Patronenkapseln, hellgefärbte Scherben und andere Dinge, darunter auch mein seit längerer Zeit vermißter Fingerhut, kamen zum Vorschein. Im übrigen stiftete er nicht viel Schaden. Er benagte versuchsweise einige Rücken in Leinwand gebundener Bücher, probierte auch seine Zähne an zierlich hochgehaltenen und eifrig gedrehten Bleistiften und bereitete uns nur einmal Arger, indem er Ae eine Anzahl Probeabzüge von photographischen Platten zerbiß. „Jegliches Futter: Früchte, Brot, Fleisch, Ei, war Mkaka recht, wurde artig aus der Hand genommen und in der Weise unserer Eichhörnchen verzehrt. Eine Zeitlang faßte das Tierchen eine wunderliche Zuneigung zu meinem ebenfalls frei lebenden Graupapagei, suchte in dessen Nähe zu verweilen und vernachlässigte mich bald gänzlich. Es neckte sich nicht mehr mit mir, ließ sich nicht mehr greifen und hätscheln und wurde immer wilder, ohne indessen bissig zu sein. Eines Tages war es verschwunden. Vermutlich ist es trotz seiner Gewandtheit eine Beute der Ratten geworden. Alle meine Bemühungen, ein zweites zu erlangen, blieben erfolglos; die Eingeborenen behaupteten, Mkaka sei außerordentlich selten.“
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An die Taghörnchen reihen sich die nächtlich lebenden Flug- oder Flatterhörnchen (Pteromys) an. Sie unterscheiden sich von jenen hauptsächlich dadurch, daß ihre Beine und Füße durch eine breite Flatterhaut verbunden werden. Diese, ein Fallschirm, welcher die Flughörnchen befähigt, mit Leichtigkeit sehr bedeutende Sprünge in schiefer Richtung von oben nach unten auszuführen, besteht aus einer derben Haut, welche an den vorderen und
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hinteren Gliedmaßen und zu beiden Seiten des Leibes befestigt und auf der Rückenseite dicht, auf der Bauchseite aber dünn und spärlich behaart ist. Ein knöcherner Sporn an der Handwurzel stützt das vordere Ende der Flatterhaut noch besonders. Der Schwanz dient als kräftiges Steuerruder und ist immer stark, bei den verschiedenen Arten jedoch in derselben Weise, bei der einen Gruppe nämlich einfach buschig, bei der anderen zweizeilig behaart. Hierzu kommen geringe Unterschiede im Zahnbaue. Die rundschwänzigen Flugeichhörnchen, welche einige als besondere Gattung ansehen, zeichnen sich durch den eigentümlichen Bau ihrer kleinen, abgerundeten und verschmälerten Backenzähne aus, während die Arten mit zweizeiligem Schwanze das Gebiß der echten Eichhörnchen besitzen. Beide Gruppen, welche wir in eine Gattung vereinigen, sind über die nördliche Erdhälfte verbreitet und im Vergleiche zu den übrigen Gattungen der Familie arm an Arten.
Der Taguan (Pteromys petaurista, Sciurus petaurista), das größte Mitglied der ganzen Familie, kommt in jeinen Körperverhältnissen einer Hauskatze fait gleich; feine Leibeslänge beträgt an 60 em, die des Schwanzes etwa ebensoviel und die Höhe am Widerriste 20 cm; ausgebreitet klaftert es 60 m. Der Leib ist gestreckt, der Hals kurz, der Kopf verhältnismäßig klein und die Schnauze zugespitzt. Die Ohren sind kurz und breit, aufrechtstehend und oft in eine Spitze auslaufend, die weit vortretenden Augen groß. Die hinteren Beine sind deutlich länger als die vorderen; jene haben 5, diese 4 Zehen, welche, die mit plattem Nagel bekleidete Daumenwarze ausgenommen, kurze, krumme und spitzige Krallen tragen. Die Flatterhaut beginnt an den Vorderbeinen, zieht sich an den Seiten des Leibes hinab und heftet sich an den Hinterbeinen an, von wo aus sie sich noch in einer kleinen Hautfalte gegen den Schwanz hin verlängert. In der Ruhe wird sie an den Leib angezogen und tritt bloß da lappenähnlich vor, wo sie durch den spornartigen Knochen an der Handwurzel gestützt wird. Der lange und schlaffe Schwanz ist sehr dick und buschig behaart, der Pelz auf dem Körper und den Gliedmaßen dicht, kurz und anliegend, auf der Rückenseite rauher als auf der Unterseite und am Schwanze; die Flatterhaut erscheint wegen der kurzen, feinen Härchen an ihrem Rande wie mit Fransen besetzt. Hinter den Ohren verlängern sich einzelne Haare zu einem Busche, und auf der Wange befindet sich eine mit Borsten besetzte Warze. Die Schnurrhaare sind mäßig lang, aber steif. Wie bei allen nächtlich lebenden Tieren stehen einige dieser Fühlhörner über den Augen, um das wichtige Sinneswerkzeug zu schützen. Auf der Oberseite des Kopfes, dem Rücken und an der Schwanzwurzel wird die Färbung des Pelzes, ein Gemisch von Grau und Schwarz, dadurch hervorgebracht, daß einzelne Haare ganz schwarz, andere an der Spitze weißgrau aussehen; die Seiten des Kopfes und der Streifen, welcher sich vom Nacken gegen die Vorderbeine zieht, sind entweder ebenso gefärbt wie die Oberseite oder rötlichkastanienbraun; das Gesicht ist vorn schwarz, das Ohr hellbraun und der Hauptbusch hinter demselben dunkelbraun. Auf der ganzen Unterseite hat der Pelz eine schmutzig weißgraue Färbung, welche in der Mitte des Leibes etwas heller wird. Die Flatterhaut ist oben schwarzbraun bis kastanienbraun, lichtaschgrau gerandet, unterseits grau, etwas ins Gelbliche fallend. Die Beine sind rötlichkastanienbraun oder rötlichschwarz; der Schwanz ist schwarz.
Die Heimat des Taguans sind alle Gebiete Ostindiens und Ceylons, wo ausgedehnte Waldungen vorkommen; dort haust er einzeln oder paarweise in den dichtesten Teilen und vorzugsweise auf den höchsten Bäumen. Bei Tage schläft er in Höhlungen der Stämme, nachts kommt er hervor und klettert und springt mit außerordentlicher Schnelligkeit, Gewandtheit und Sicherheit in den Baumkronen umher oder in sehr weiten Sätzen nach benachbarten Bäumen, immer von oben nach unten. Dabei breitet er seine Füße wagerecht und spannt hierdurch die Flatterhaut zu einem weiten Fallschirme aus; Jerdon hat ihn
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Strecken von 60 m durchmessen sehen. Der Schwanz wird als Steuerruder benutzt und soll das Tier befähigen, durch plötzliches Wenden die Richtung seines Fluges mitten im Sprunge zu verändern. Dieser Angabe widerspricht jedoch Sanderson und teilt mit, daß die Eingeborenen das Tier, welches, einmal in der Luft, von seiner Richtung nicht mehr abweichen könne, am Endpunkte der durchschwebten Linie erwarten und mit einem Stockschlage töten. Man versichert, daß die Schnelligkeit seiner Sprünge wie überhaupt seiner Bewegungen außerordentlich groß sei, so daß ihnen das Auge kaum folgen könne. Unter seinen Sinnen sind Gehör und Gesicht ziemlich ausgebildet, die übrigen aber weit unvollkommener entwickelt. In seinem geistigen Wesen unterscheidet er sich wesentlich von den eigentlichen Eichhörnchen. Er hat weit weniger Verstand und ist noch viel furchtsamer und scheuer als seine den Tag liebenden Verwandten. Das geringste Geräusch erfüllt ihn mit Entsetzen und bewegt ihn zur eiligsten Flucht. Dies macht man sich in Indien zu nutze, indem man das Tier in mond-hellen Nächten sehr geschickt über gewisse Baumäste jagt, auf welchen sackartige Netze derartig fängisch gestellt sind, daß sie, sobald das Tier hineinfährt, abfallen und durch Zugstricke an der Mündung zugeschnürt werden. So erlangt man das scheue Wild lebendig.
Infolge der Schwierigkeit, den nur des Nachts und dazu im Innern der Wälder erscheinenden Taguan zu beobachten, fehlen genauere Nachrichten über seine Lebensweise. Jerdon führt an, daß er sich von mancherlei Früchten sowie von Knospen, Schossen und Borke ernähre, Tickell, daß er gelegentlich auch Kerbtiere nehme. Von einer verwandten, in China lebenden Art erzählt Swinhoe. Kampfersammler hatten auf einem hohen, alten Baume ein großes Nest bemerkt und den Baum gefällt. Beim Niederstürzen wurde das Nest weggeschleudert, und zwei große Flugeichhörnchen sprangen heraus, um auf einem benachbarten Baume Zuflucht zu suchen. In dem umfangreichen, gegen Im im Durchmesser haltenden, aus dürren Zweigen errichteten, mit Gras ausgefütterten und mit einem seitlichen Eingange versehenen Neste fanden die Leute ein lebendes Junges und bemächtigten sich seiner. Auf das Schreien desselben kam die Mutter herbei und wurde erlegt, während das zweite alte Flughörnchen, wohl das Männchen, nachdem es das Geschick seines Genossen gesehen, flüchtete und sich nicht nahe kommen ließ, vielmehr von einem Zweige zum anderen sprang und schwebte und endlich im tiefen Walde verschwand. Aus dem Leibe des getöteten Weibchens bereiteten sich die Leute eine nach ihrer Ansicht äußerst schmackhafte Mahlzeit. Das Junge, welches wie ein Meerschweinchen quiekte, wurde Swinhoe gebracht und von ihm mit Milch genährt, saugte diese auch begierig auf, ging jedoch ein, noch ehe es seine Augen geöffnet hatte. Später erhielt Swinhoe auch ein altes lebendes Männchen, hielt es einige Zeitlang im Käfig und ernährte es mit Früchten. Es war ein überaus wütendes Geschöpf, welches jede Annäherung mit scharfen und ärgerlichen Schreien von sich zu weisen suchte, sich dabei in eine Ecke des Käfigs zurückzog und mit grimmigen Blicken boshaft nach der Hand des Pflegers fuhr, sobald dieser in seine Nähe kam. Die rundsternigen, dunkeln Augen hatten einen grünlichen Schein und ließen es sofort als Nachttier erkennen.