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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Streng genommen hat man die Mitglieder unserer Sippschaft als Raubvögel zu betrachten, so wenig dies auch der geläufigen Bedeutung des Wortes entsprechen mag. Die große Mehrzahl nährt sich, wenn nicht ausschließlich, so doch vorwaltend, von anderen Tieren, von Kerfen, Weichtieren und Gewürm aller Art, und die größten Mitglieder der Sippschaft zählen thatsächlich zu den tüchtigsten Räubern, da sie ihre Jagd keineswegs auf Kleingetier beschränken, sondern mit Falken und Eulen wetteifern und bei ihrer Jagd Kraft und Gewandtheit mit Mut und List vereinigen. Fast alle aber, welche vorwiegend von anderen Tieren sich ernähren, verzehren nebenbei auch Früchte, Beeren und Körner, und diejenigen, welche letztere fressen, jagen fast ausnahmslos zeitweilig Kerbtieren nach. So bezeichnet man sie vielleicht am richtigsten als Allesfresser, wenn auch die wenigsten dies in so unbeschränkter Weise sein mögen, wie einzelne, denen alles Genießbare recht zu sein scheint, und welche um die Mittel zum Erwerbe nie verlegen sind. Je nachdem der Hauptteil der Nahrung aus tierischen oder aus pflanzlichen Stoffen besteht, ist der Sperlingsvogel gezwungen, sein heimatliches Gebiet zu verlassen, wenn der Winter ihm den Tisch verdeckt, oder aber befähigt, jahraus jahrein wesentlich dieselbe Ortlichkeit zu bewohnen. Alle in warmen Ländern lebenden Sperlingsvögel ziehen nicht, sondern streichen höchstens von einem Gebiete zum anderen, wie einzelne unserer nordischen Arten auch zu thun pflegen. Bei uns zu Lande entvölkert der Herbst Wald und Flur; denn verhältnismäßig wenige von den in unserem Vaterlande heimischen Arten der Ordnung sind befähigt, hier den Winter zu bestehen, und nicht bloß die meisten Kerbtierräuber, sondern auch viele Körnerfresser wandern nach Süden, ja selbst ein Teil der Allesfresser gehorcht derselben zwingenden Notwendigkeit. Der Frühling, möge er nun Lenz oder Regenzeit heißen, ist die Zeit der Liebe für die Mehrzahl der Sperlingsvögel; gerade unter ihnen gibt es jedoch einige Arten, welche sich wenig um das neu erwachende Leben in der Natur kümmern und hinsichtlich des Brutgeschäftes an keine bestimmte Zeit des Jahres binden, vielmehr ebenso dem eisigen Winter des Nordens wie der drückenden Sommerhitze der Wendekreisländer trotzen. Die große Menge hingegen hält treulich fest an dem Wechsel des Jahres und erkennt im Lenze dessen schönste Zeit. Bis dahin haben sich alle größeren Gesellschaften, welche der Herbst vereinigte, gelöst, und die geselligen Tugenden sind einer Leidenschaftlichkeit gewichen, wie sie bei wenigen anderen Vögeln stärker auftritt. Der Schnabel ist jetzt nicht bloß dem Jubelliede der Liebe geöffnet, sondern auch zum Kampfe der Eifersucht gewetzt. Fast möchte man glauben, daß der Sperlingsvogel sein Tagewerk nur in Singen und Kämpfen einteilt. Er bethätigt die lebhafteste Erregung in allen Handlungen, nimmt mit Hast die notwendige Nahrung zu sich, singt und jubelt, übt allerlei Flugspiele, welche er sonst niemals aufführt, und gibt sich mit vollem Feuer, meist vielmal des Tages, ehelichen Zärtlichkeiten hin. Diejenigen, welche zu den Einsiedlern zählen, verfolgen ihresgleichen jetzt mit mehr Ingrimm als je; diejenigen, welche ihren Verband nicht lösen, bilden Siedelungen, und wenn es anfänglich in ihnen auch nicht immer friedlich hergeht, manchmal vielmehr Streit um Niststätte und Niststoffe die Gemüter erhitzt, endet doch der Kampf, und der Friede tritt ein, wenn der Platz wirklich in Besitz genommen und der Bau vollendet oder mit Eiern belegt wurde. Das Nest ist so verschieden wie der Sperlingsvogel selbst, an dieser Stelle ist daher nur zu sagen, daß die größten Baumeister in dieser Beziehung, wahre Künstler, gerade innerhalb unserer Sippschaft gefunden werden. Das Gelege besteht aus 4—12 und mehr meist buntfarbigen Eiern. Beide Eltern brüten, und beide füttern gemeinschaftlich ihre Jungen auf. Meist folgt im Laufe des Sommers eine zweite, selbst eine dritte Brut auf die erste. Im allgemeinen haben wir die Sperlingsvögel als vorwiegend nützliche Tiere anzusehen. Zwar gibt es unter ihnen einzelne, welche uns vielleicht mehr schaden als nützen;

ihrer aber sind so wenige, daß man ihre Thätigkeit dem Wirken der Gesamtheit gegenüber kaum in Anschlag bringen darf. Weitaus die meisten Arten erwerben sich durch Vertilgung schädlicher Kerbtiere, Schnecken und Würmer hohe Verdienste um unsere Nutzpflanzen, und nicht wenige beleben durch ihre köstliche Begabung, zu singen, Wald und Flur in so hohem Grade, daß sie uns den Frühling erst zum Frühlinge stempeln. Sie würden wir nicht missen mögen, selbst wenn sie schädlich sein sollten. Gerade die besten Sänger aber bringen uns nur Nutzen; die schädlichsten sind diejenigen, welche als Stümper im Gesange bezeichnet werden müssen. Hierher haben wir zu rechnen einzelne Raben, hierher auch mehrere kleine Finken und Webervögel, welche zwar durch Auflesen von Unkrautgesämen und gelegentlichen Fang von Kerbtieren ebenfalls Nutzen bringen, zu gewissen Zeiten aber, wenn sie zu großen Schwärmen vereinigt in reifendes Getreide oder fruchttragende Obstbäume einfallen, doch auch recht lästig werden können. Nicht unser Bauer allein sieht in solchen Vögeln unliebsame Gäste, auch die Völkerschaften anderer Erdteile klagen über den Schaden, welchen sie durch die kleinen Körnerfresser erleiden. Die Menge macht letztere furchtbar; denn es ist in der That nicht gleichgültig, Hunderte und Tausende von kleinen Fressern ernähren und zusehen zu müssen, wenn die ungenügsamen nebenbei noch ebensoviel verwüsten, als sie verzehren. Ihnen gegenüber rechtfertigt sich thatkräftige Abwehr um so mehr, da ihr Fleisch mit Recht als leckeres Gericht betrachtet werden kann. Aber auch der Fang einzelner, in großer Anzahl auftretender, nicht schädlicher Arten, beispielsweise der Drosseln, ist kein so unsühnbares Verbrechen, wie man zu behaupten pflegt; in keinem Falle wenigstens tragen die Vogelsteller allein die Schuld an der Abnahme dieser Vögel, soweit eine solche überhaupt erwiesen werden konnte. Demungeachtet empfiehlt es sich, für sie in die Schranken zu treten; denn alle Sperlingsvögel insgemein, die wenigen starken und sehr gewandten unter ihnen ausgeschlossen, haben ohnehin von den verschiedenartigsten Feinden zu leiden. Mindestens ebenso viele Sperlingsvögel, als man in unserer Zeit dem Moloch Magen opfert, werden gefangen, um als Stubengenossen des Menschen zu dienen. Keine andere Sippschaft der Klasse liefert so viele Käfigvögel wie diese. Ihnen entnehmen wir das einzige Haustier, welches wir im eigentlichen Sinne des Wortes im Käfige halten, ihnen gewähren wir das Vorrecht, uns mitten im Winter Lenz und Lenzesgrün vorzutäuschen. Gefühlsüberschwengliche Seelen haben geklagt und gejammert über die armen gefangenen Vögel im Käfige, in ihrer Beschränktheit aber vergessen, daß auch der Stubenvogel nichts anderes ist als ein Haustier, bestimmt, dem Menschen zu dienen. Ein Säugetier zu züchten, zu mästen, zu schlachten, zu verspeisen, findet jedermann in der Ordnung; einen Vogel zu fangen, mit aller Liebe zu pflegen, ihm den Verlust seiner Freiheit so gut wie möglich zu ersetzen, um dafür als Dankeszoll die Freude zu ernten, seinem Liede lauschen zu dürfen, bezeichnet man als ungerechtfertigte Beraubung der Freiheit eines hochedeln Wesens. Nun, wir werden uns deshalb unsere Freude an den Vögeln und somit auch an unseren Stubengenossen nicht beschränken noch verkümmern lassen, nach wie vor die gefiederten Freunde fangen und pflegen und diejenigen, welche kein Verständnis für unsere Freude gewinnen wollen, höchstens im innersten Herzen beklagen. Über die Einteilung dieser artenreichsten Sippschaft, bei deren Schilderung ich mich mehr als bei irgend einer anderen beschränken muß, herrschen so verschiedene Auffassungen, daß man behaupten darf, jeder einigermaßen selbständig arbeitende Forscher befolge sein eignes System. Alle Versuche, sich zu einigen, sind bis jetzt gescheitert. Wir kennen die Sperlingsvögel noch viel zu wenig, als daß wir über ihre Verwandtschaften in allen Fällen zweifellos sein könnten. Einige erachten es als richtig, die Gesamtheit in zwei Unterabteilungen, die der Sing- und Schreivögel, zu zerfällen, je nachdem die Singmuskeln am

+ ů unteren Kehlkopfe entwickelt sind oder nicht. Wir werden dieser Auffassung im Nachstehenden Rechnung tragen. Bei den Singvögeln (Oscines), der großen Mehrzahl aller Sperlingsvögel, ist der untere Kehlkopf vollständig entwickelt und meist mit fünf Paaren auf der Vorder- und Rückseite verteilter Muskeln ausgerüstet. Rußerlich lassen sie sich daran erkennen, daß von den zehn Handschwingen die erste kurz, verkümmert oder gar nicht vorhanden, der Lauf aber vorn gestiefelt, das heißt mit verschmolzenen großen Platten gedeckt, und auf der Seite mit einer ungeteilten Schiene bekleidet ist. Reichenow folgend, stellen wir unter den Singvögeln die Sänger (SyIviidae) obenan. Nach genanntem Forscher sind es die vollkommensten, weil am gleichmäßigsten ausgebildeten Vögel. Sie werden gekennzeichnet durch grasmücken- oder drosselförmige Gestalt, kurzen und dünnen oder nur mäßig starken, pfriemenförmigen oder schwach gebogenen Schnabel, wohlentwickelte, spitzige Flügel, mäßig langen Schwanz, der nur wenig länger oder kürzer ist als die Flügel, und die Mittelzehe an Länge etwas übertreffenden Lauf. Die Familie umfaßt nach Reichenow etwa 370 Arten und hat Vertreter in allen Erdteilen, verhältnismäßig die meisten im gemäßigten Gürtel der Alten Welt. Die Sänger zerfallen nach Reichenow in zwei Abteilungen, denen er den Rang von Unterfamilien zuspricht. Die erste umfaßt die Erdsänger (Turdinae), deren Lauf vorn von einer ungeteilten Hornschiene bedeckt wird, während sich junge Tiere durch geflecktes Gefieder von den Eltern unterscheiden. Erdsänger finden sich in allen Erdteilen; etwa 280 Arten kommen nach Reichenow auf diese Unterfamilie. Die Erdsänger bewohnen die verschiedenartigsten Ortlichkeiten, obwohl die Mehrzahl von ihnen im Walde seßhaft ist. Als für sie bezeichnend mag erwähnt sein, daß die meisten sich viel auf dem Boden aufhalten, gleichviel ob er von Pflanzen überdeckt oder steinig oder felsig ist, im tiefsten Schatten liegt oder von der glühenden Sonne bestrahlt wird. Hochbegabt in jeder Beziehung, gewinnen sie durch meist vorzüglichen Gesang unsere besondere Zuneigung, erweisen sich zudem nur nützlich und verdienen daher das allgemeine Wohlwollen, welches ihnen entgegengebracht wird. Kerbtiere, zumal deren Larven, allerlei Weichtiere sowie Erd⸗ und Wassergewürm im weitesten Umfange, während der Fruchtzeit nebenbei Beeren verschiedener Art bilden ihre Nahrung; fast alle, welche höhere Breiten bewohnen, zählen daher zu den Zug- und Wandervögeln, welche früher oder später im Herbste verschwinden und entgegengesetzt im Frühjahre zurückkehren, um bald nach ihrer Ankunft zur Fortpflanzung zu schreiten. Nest und Eier sind so verschieden, daß etwas allgemein Gültiges kaum gesagt werden kann, auch die Art und Weise, wie sie ihre Jungen erziehen, ist vielfach verschieden. Feinde der Erdsänger sind alle Raubtiere, welche dieselben Aufenthaltsorte mit ihnen teilen. Zu ihnen gesellt sich der Mensch, welcher sie unzweifelhaft am empfindlichsten schädigt, weniger indem er alte und junge fängt, um sie im Käfige zu halten oder auch wohl zu verspeisen, ebensowenig, indem er ihnen die Eier raubt, als vielmehr indem er ihnen die zusagenden Wohnplätze schmälert. Der Forscher oder kundige Liebhaber, welcher für seine Zwecke Erdsänger tötet oder fängt, ist es nicht, welcher ihrem Bestande schadet: der Land- und

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Forstwirt, welcher jeden Busch, jede Hecke rodet, den Wald zu Feld oder im günstigsten Falle zu gleichförmigen Forsten umwandelt, fügt ihnen größeres Unheil zu. Erdsänger gefangen zu halten, ist, falls man sie sachkundig zu pflegen versteht, nicht als Verbrechen zu bezeichnen, vielmehr durchaus gerechtfertigt; denn gerade diese Vögel gehören zu den angenehmsten Stubengenossen, welche sich der an das Zimmer gebannte Mensch erwerben kann. Rechtzeitig gefangen und sachkundig gepflegt, gewöhnen sie sich bald an den Verlust der Freiheit, befreunden sich innig mit ihrem Gebieter, geben diesem ihre Zuneigung und Anhänglichkeit in jeder Weise zu erkennen, bekunden Trauer, wenn sie ihn vermissen, jubelnde Freude, wenn sie ihn wieder erscheinen sehen, treten mit einem Worte mit dem Menschen in ein wirklich inniges Verhältnis. Aber sie wollen gepflegt, abgewartet, beobachtet und verstanden sein, wenn man zu erreichen strebt, daß sie längere Zeit im Käfige ausdauern, und deshalb soll der, welcher eine Drossel, eine Nachtigall dem Walde und seinen Mitmenschen rauben will, um sie allein zu besitzen, erst bei einem erfahrenen Vogler in die Lehre gehen, aber auch die rechte Liebe und die rechte Geduld mitbringen; denn ohne diese Liebe und Geduld wird er einem edlen Wesen nicht bloß seine Freiheit, sondern auch sein Leben nehmen. Auch in diesem Falle ist es die Unkenntnis, nicht aber verständnisvolle Liebhaberei, welche frevelt. Die höchststehenden Erdsänger sind vielleicht die Rotschwänze (Erithacus). Sie kennzeichnen sich vor allem durch die rostbraune Färbung des Schwanzes, ferner durch zierlichen Schnabel, verhältnismäßig schwache Schnabelborsten und mittellange Flügel.

Unsere seit altersgrauer Zeit hochberühmte Nachtigall (Erithacus luscinia, Lusciola luscinia, Luscinia vera, megarhynchos, media, okeni und peregrina, Motacilla, Sylvia, Curruca, Daulias und Philomela luscinia) kann mit wenig Worten beschrieben werden. Das Gefieder der Oberseite ist rostrotgrau, auf Scheitel und Rücken am dunkelsten, das der Unterseite licht gelblichgrau, an der Kehle und Brustmitte am lichtesten; die Schwingen sind auf der Innenfahne dunkelbraun, die Steuerfedern rostbraunrot. Das Auge ist rotbraun, der Schnabel und die Füße sind rötlich graubraun. Das Jugendkleid ist auf rötlich braungrauem Grunde gefleckt, weil die einzelnen Federn der Oberseite lichtgelbe Schaftflecken und schwärzliche Ränder haben. Die Länge beträgt 17, die Breite 25, die Fittichlänge 8, die Schwanzlänge 7 em. Das Weibchen ist ein wenig kleiner als das Männchen.

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